Titelverleihung „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ an der Montessori-Gesamtschule in Sendenhorst
25.06.2019

Titelverleihung „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ an der Montessori-Gesamtschule in Sendenhorst

Sendenhorst. Am 19.06.2019 besuchte die Drag-Queen Veuve Noire aus der Olivia-Jones-Familie die Montessori-Gesamtschule. Anlass war die Verleihung des Titels durch das Courage-Netzwerk „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“, für das die Schule Veuve Noire als Paten gewinnen konnte. Das Projekt „Schule ohne Rassismus“ wurde in Deutschland 1995 gegründet mit dem Ziel, sich gegen alle Ideologien der Ungleichwertigkeit zu engagieren und sich gleichermaßen mit Diskriminierungen aufgrund der Religion, der sozialen Herkunft, des Geschlechts, der körperlichen Merkmale, der politischen Weltanschauung oder der sexuellen Orientierung zu beschäftigen. Das Netzwerk ist dabei ein Projekt für alle Schulmitglieder. Es soll die Möglichkeit bieten, das Klima an der Schule aktiv mitzugestalten und bürgerschaftliches Engagement zu entwickeln. 2017 waren bereits 2.500 Schulen angeschlossen. Jede Schule kann mitmachen, wenn mindestens 70 % aller Menschen, die in einer Schule lernen und arbeiten, sich mit ihrer Unterschrift verpflichten, aktiv gegen jede Form von Diskriminierung an ihrer Schule einzutreten, bei Konflikten einzugreifen und regelmäßig Projekte und Aktionen zum Thema durchzuführen. Die Montessori-Gesamtschule hatte sich nach der Unterschriftenaktion beim Courage-Netzwerk beworben und konnte Veuve Noire für den Festakt der Titelverleihung gewinnen. Der Titel sei allerdings keine Auszeichnung für bereits geleistete Arbeit, sondern sei eine Selbstverpflichtung für die Gegenwart und die Zukunft. Die Schule übernehme damit die Verantwortung für das Klima an der Schule und im Umfeld.

Für den Festakt hatten sich alle Schülerinnen und Schüler, das gesamte Lehrerteam, Elternvertretern, Mitglieder des Trägervereins der Schule, die Koordinatorin des Courage-Netzwerkes, weitere Koordinatorinnen aus dem SoR-Netzwerk sowie Vertreter der Stadt und der Politik in der Turnhalle der Schule versammelt. Nach der Begrüßung durch Schulleiter Ralf Friedrich führte er in die Thematik mit Überlegungen ein, was in den Begriffen „Rasse“, „Rassismus“ und „Courage“ stecken würde. Warum solle eine Gruppe einer anderen überlegen sein? Welche Überheblichkeit zeige sich in dem Denken in solchen Kategorien? Mit Mut und Beherztheit solle man die Vielfalt leben, sie bewundern und über sich hinauswachsen. Die Montessorischule sei anderes und genau so wolle man auch sein und gemeinschaftlich versuchen, Grenzen abzubauen. Es soll die Andersartigkeit gelebt und geschätzt werden.

Herr Friedrich hob hervor, dass die Aktion der Titelverleihung allein auf das Engagement einer Schüler-AG zurückzuführen sei, die federführend von Lena und Julian Wollny geleitet werde. Sie hätten mit der Gruppe „Schule ohne Rassismus“ das Bewerbungsverfahren und auch den gesamten heutigen Festakt organisiert. Dafür sprach Schulleiter Friedrich den Schülerinnen und Schüler seine Anerkennung aus.

Lena Wollny übernahm sodann die Moderation der weiteren mehr als 2-stündigen Veranstaltung und übergab das Wort an Neuve Noire, die zunächst einmal hervorhob, dass sie es selten erleben würde, dass Schülerinnen und Schüler den Weg zur Preisverleihung ebnen würden. Häufig würden die Schulleitungen dies bewirken. Sie kämpfe seit Jahren für mehr Toleranz und sei als Botschafterin unterwegs, aber das Besondere am heutigen Tage sei das Engagement der Schülerinnen und Schüler. Das sei ein tolles Signal. Sodann berichtete sie aus ihrem Leben. Sie stamme aus Rostock und habe in ihrer Jugend unter Mobbing gelitten und bspw. vor Nazi-Jugendlichen fliehen müssen, die sie massiv wegen ihrer Andersartigkeit bedroht hätten. Sie habe als 17-jährige unter Depressionen gelitten und einen Selbstmordversuch unternommen. Man müsse insoweit daran denken, dass die Liebe unter Gleichgeschlechtlichen bis vor wenigen Jahren noch verboten gewesen sei. Erst 1994 hätte man den damaligen § 174 im Strafgesetzbuch entfernt. Glücklicherweise hatte das Schicksal es aber gut mit ihr gemeint. Es habe für sie immer nur zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder sich so verhalten, wie alle es von ihr erwarten und unglücklich sein oder so sein, wie sie sei und dann mit dem Risiko zu leben, immer wieder ausgegrenzt zu werden, weil andere sie nicht in „eine Schublade „Frau“ oder „Mann“ stecken könnten“. Sie habe sich für letzteres entschieden und sei heute stolz darauf und glücklich damit. Sie habe verstanden, dass die anderen Menschen wegen der fehlenden Toleranz ein Problem hätten und nicht sie. Vor ein paar Jahren hat sie sich durch ein Casting einen Platz in der Olivia-Jones-Familie verschafft, wo sie sich sehr fühle, weil sie frei so leben dürfe, wie sie sei, was ihr Selbstbewusstsein gestärkt hätte. Seit 2018 sei nunmehr die Ehe unter Homosexuellen möglich und auch das 3.  Geschlecht sei anerkennt. Das seien Erfolge, mit denen noch vor wenigen Jahren nicht zu rechnen gewesen sei. Allerdings gäbe es trotzdem noch viel zu tun, denn in den Köpfen vielen Menschen müssten Kategorien noch aufgebrochen werden. Veuve hob in diesem Zusammenhang hervor, dass es bei Homosexualität ja nicht nur um Sex gehen würde, sondern wie bei allen anderen Menschen auch um Liebe, Fürsorge, Partnerschaft, Vertrauen, Zweisamkeit. Das würde immer wieder vergessen werden.

Veuve gab den Schülerinnen und Schülern umfangreich Gelegenheit, Fragen an sie zu stellen. In den Antworten berichtete sie weiter von ihrem Leben. Sie sei eine Heterofrau gefangen im Körper eines Mannes. Sie kehre ihr Inneres nach außen und wolle sich nicht ändern. Ob man „sie“ oder „er“ sage, sei völlig egal. Auf die Frage, wie man reagiere, wenn die  Eltern meinen würden, die Homosexualität sei nur eine Phase, erläuterte Veuve, dass nach ihrer Erfahrung die Eltern nicht wissen würden, worum es bei Homosexualität gehe. Manchmal sei es die Traurigkeit der Eltern, dass der Wunsch nach Enkelkindern nicht in Erfüllung gehe, manchmal sei es die Angst vor den Reaktionen des Umfeldes. Aber eine Krankheit sei Homosexualität nicht. Man spüre irgendwann, dass man sich für Gleichgeschlechtliche interessiere und wisse bedauerlicherweise aber auch gleichzeitig instinktiv, dass man das für sich behalten solle. Das sei aber von Menschen gemacht, weil sie Gruppen kategorisieren würden. Genau hier beginne Rassismus, der gestoppt werden müsse. Homosexualität gäbe es bspw. auch bei über 100.000 Tierarten. Sie sei von Natur aus gegeben. Die Politik müsse sich also einbringen, um den Denkstrukturen einer möglichen Krankheit ein Ende zu bereiten. Aktuell gäbe es vom Gesundheitsminister Spahn die Initiative, Konversionstherapien zu verbieten, in denen Homosexuelle „geheilt werden sollen“. Das sei ein guter Schritt.

Zum Festakt gehörten zwischendurch Vorführungen der Darstellen-und-Gestalten-Kurse der Schule. Die Schülerinnen und Schüler dieser Kurse hatten sich eigenständig einzelne kleine Theaterszenen ausgedacht und einstudiert, in denen eine Andersartigkeit und der Umgang damit thematisiert wurde. Veuve Noire sang darüber hinaus mit allen Anwesenden zwei Party-Lieder und machte ihrem Namen als Drag-Queen alle Ehre, konnte sie doch alle zum Mitsingen und Klatschen motivieren.

Die Titelverleihung erfolgte sodann durch die Vertreterin des Bundes-Courage-Netzwerkes, Frau Diler Senol-Kocaman, der Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums Kreis Warendorf.  Sie hob hervor, dass Art. 1 des Grundgesetzes, wonach die Würde des Menschen unantastbar sei, die Grundlage dafür seit nunmehr 70 Jahren bilden würde, alle Formen von Rassismus abzulehnen. In der heutigen Gesellschaft seien engagierte Schulen aufgefordert, diesen Art. 1 GG in der Vielfalt zu leben und Vorbild zu sein für Achtung, Respekt und Toleranz vor- und untereinander. Mit Stolz nahmen der Schülerinnen und Schüler dann das Schild „Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ und die Urkunde mit der Mitgliedschaft im Netzwerk entgegen.

Im Anschluss und als letzter Programmpunkt des Festaktes fand eine Podiumsdiskussion statt, an der drei Schüler, Frau Bäcker (von der Stadtverwaltung Sendenhorst und dort Gleichstellungsbeauftragte) sowie Veuve Noire teilnahmen. Die Schülerinnen und Schüler thematisieren dabei gängige „Mythen“, wie dass Kinder, die in gleichgeschlechtlichen Ehe aufwachsen, auch homosexuell werden würden oder dass ein vermehrter Missbrauch in gleichgeschlechtlichen Ehen stattfinden würde. Veuve lehnte beides als „Blödsinn“ ab und auch die anderen Podiumsteilnehmer unterstützten ihn mit Argumenten, so dass schnell Einigkeit bestand, dass die Diskussionen in der Öffentlichkeit vermehrt geführt werden müssten, um fehlerhafte Vorstellungen zu korrigieren. Hervorgehoben wurde an dieser Stelle, dass mit der Anerkennung der homosexuellen Ehe im Gesetz seit Herbst 2018 auch die Möglichkeit einer Adoption bestehe. Das Adoptionsgesetz hätte insoweit nicht geändert werden müsse, weil es nur von Eltern und nicht von heterogenen Eltern sprechen würde. Daher sei die gesetzliche Verankerung der Ehe für homosexuelle Paare auch so ein großer Erfolg gewesen. Auch die fehlende Anerkennung der Homosexualität in den Kirchen wurde angesprochen. Veuve wies insoweit darauf hin, dass Gott Mann und Frau geschaffen habe und wenn man dem folge, dann habe er auch die Homosexualität geschaffen, die von Natur aus gegeben sei. Ein Schüler brachte sich in die Diskussion mit dem Hinweis ein, dass Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen habe, woraufhin Veuve den Satz beendete und begeistert erklärte, dass Gott auch schwul sei. Die Strukturen in den Kirchen zu ändern, sei „ein dickes Brett“, aber man dürfe nicht aufgeben, ergänzte Frau Bäcker.

Der Festakt endet gegen 15.30 Uhr mit einem Dank von Schulleiter Ralf Friedrich an alle Beteiligte. Er sei stolz, dass die Schule sich der Selbstverpflichtung des Courage-Netzwerkes angeschlossen habe.

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